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Gastfreund aus Kempten im Allgäu im Interview

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Geschäftsführer Marc Münster und Dominik Haßelkuss
Geschäftsführer Marc Münster und Dominik Haßelkuss (c) Gastfreund GmbH

Vor wenigen Wochen hatten wir über Gastfreund aus Kempten im Allgäu berichtet. Jetzt haben wir mit den jungen, sympathischen Gründern ein ausführliches Interview geführt, was einige Tipps und Anregungen für Gründer bereithält. Besonders Hoteldirektoren und Mitarbeiter aus dem Bereich Tourismus legen wir ganz dringend ans Herz, sich mit Gastfreund eingehend zu beschäftigen, denn die Jungs haben wirklich tolle und spannende Ideen…

Stellen Sie sich und Gastfreund doch kurz vor!

Wir sind Marc Münster und Dominik Haßelkuss, Gründer und Geschäftsführer von Gastfreund. 2013 sind wir als kleines Start-up in Kempten im Allgäu gestartet und haben uns abseits von Gründermetropolen wie Berlin, Hamburg oder München zu einem erfolgreichen, jungen Unternehmen mit über 50 Mitarbeitern entwickelt.

Gastfreund entwickelt app- und webbasierte Lösungen zur Gästekommunikation und Umsatzsteigerung für Hotellerie und Tourismus. Neben der digitalen Gästemappe mit integriertem Reiseführer in der Gastfreund-App, bieten wir weitere Produkte zur Inhouse-Kommunikation mit Gästen an, nämlich eine Web2Print-Hotelzeitung und das Infoscreen-System Gastfreund TV.

Was waren die wichtigsten Beweggründe um Gastfreund ins Leben zu rufen?

Gastfreund:

Unternehmerisch tätig zu sein, das hatten wir schon immer im Hinterkopf, besonders Marc. Eine Gründung zu wagen, das stand immer fest, nur das Wann war offen. Nach dem Studium haben wir erst mal in einem klassischen Angestelltenverhältnis gearbeitet. Ganz zu Beginn von Gastfreund waren wir beide auch noch im festen Job tätig, um uns über Wasser zu halten. Ein wichtiger Beweggrund Gastfreund ins Leben zu rufen war auch, ein Unternehmen im Allgäu zu gründen. Wir lieben unsere Heimat und wollten wegen unserer beruflichen Weiterentwicklung nicht woanders hingehen müssen. Leider gab es für junge, kreative und mutige Köpfe nur wenige Möglichkeiten, also mussten wir diese selbst schaffen.

Was war die Idee, die zu Beginn hinter Gastfreund steckte? Wurde diese auch 1:1 so umgesetzt, oder gab es viele Anpassungen an den Markt und die Kunden?

Gastfreund:

Die Idee hinter Gastfreund ist aus unseren eigenen Erfahrungen als Hotelgast und der Beobachtung der Allgäuer Tourismusbranche entstanden. Auf dem Hotelzimmer und an der Rezeption liegen für den Gast neben der herkömmlichen Zimmermappe unzählige Prospekte, Broschüren und Flyer aus. Diese Zettelwirtschaft ist super unpraktisch, nicht immer aktuell und am Ende hat man die Infos, die man gerade braucht, doch nicht mit dabei. Wir wollten ein modernes und digitales Medium schaffen, das dem Gast alle wichtigen Informationen zu seiner Unterkunft gebündelt bereit stellt und andererseits dem Hotelier ermöglicht, zielgerichtet mit ihm zu kommunizieren. Das war damals eine Marktlücke, die wir schließen wollten. Durch viele Gespräche mit Hoteliers und Tourismusorganisationen entstand dann unser Konzept, nämlich die Kombination aus einer digitalen Gästemappe mit integriertem Reiseführer als App für die Smartphones und Tablets der Gäste.

Wir sind bis heute bei unserem Konzept geblieben, aber haben die digitale Gästemappe stetig weiterentwickelt und verbessert. Eine neue Funktion, der mobile Concierge, macht beispielsweise seit dem Frühjahr direkt in der App auch die Anfrage und Buchung von Zusatzservices im Hotel möglich, wie die Bestellung von Frühstück direkt ans Bett.

Zudem haben wir unsere gesamte Produktpalette erweitert. Unter der Fahne „moderne Gästekommunikation“ bieten wir auch ein Infoscreen-System zur Bespielung von TV-Analgen und ein Tool für die einfache Erstellung einer professionellen Hotelzeitung an, die sowohl ausgedruckt aber auch online abgerufen werden kann. Eine moderne Web2Print-Lösung.

Was zeichnet Gastfreund besonders aus?

Gastfreund:

Das Herz haben wir ganz bewusst im Logo. Egal ob im Team oder im Kontakt mit unseren Kunden, uns ist ein freundliches, persönliches aber auch professionelles Miteinander sehr wichtig. Ein ständiger Austausch untereinander und mit unseren Kunden sowie der gute Teamspirit sorgen für das dynamische Wachstum von Gastfreund. Der gute Austausch  mit unseren Kunden hat auch unsere Weiterentwicklung beeinflusst.

Besonders ist auch, dass alle unsere Produkte über nur ein CMS gespeist werden, da wir ein System, das viel kann und nicht eine weitere Insellösung schaffen wollten. Wir bieten eine Rundum-sorglos-Lösung für die erfolgreiche Inhouse-Kommunikation mit Gästen. Ob über die digitale Gästemappe, über das Infoscreen-System oder mit der Hotelzeitung, wir ermöglichen dem Hotelier mit Gastfreund zahlreiche Kontaktpunkte zum Gast über Mobile, Print und Digital und stärken so den Gästeservice und die Eigenvermarktung des Hotels.

Wer zählt alles zu der Zielgruppe von Gastfreund?

Gastfreund:

Unsere Zielmärkte sind die Hotellerie- und Tourismusbranche. Unser Kunde ist der Hotelier, der in der mobilen Lösung seine Zimmermappe digitalisiert. Zur Zielgruppe gehört aber auch der Gast, der sozusagen auf der anderen Seite der digitalen Gästemappe steht. Gäste haben durch den direkten Draht zu ihrem Gastgeber alles Wissenswerte immer mit dabei und können die Gastfreund-App samt dem  Reiseführer nach dem Motto „Ankommen und Auskennen“ kostenlos für die eigene Urlaubsplanung und -gestaltung nutzen.

Gab es zu Beginn schon viele Unternehmen, die an einer Zusammenarbeit mit Gastfreund interessiert waren, oder musste hier viel Überzeugungsarbeit geleistet werden?

Gastfreund:

Geschenkt gab es für uns nichts, zu keinem Zeitpunkt. Wir haben uns jede Zusammenarbeit hart erarbeiten müssen. Von Beginn an haben wir den Weg gewählt, Gastfreund im engen Austausch mit unseren potentiellen Kunden zu entwickeln. Deshalb waren wir schon mit Gastgebern intensiv im Austausch, bevor der erste Prototyp letztendlich an den Start ging. Eine unvergessliche Erfahrung, eine Produktidee wichtigen Meinungsbildnern schmackhaft zu machen, die lediglich auf einem Stück Papier existiert und noch nicht erlebbar ist.

Große Startschwierigkeiten hatten wir keine. Sicher gibt und gab es immer wieder Skeptiker, aber die immer weiter fortschreitende Digitalisierung und der nicht aufhörende Boom von Smartphone und Tablets lassen sich nicht aufhalten und nicht verleugnen. Die digitale Evolution zu verschlafen, das sollten sich Hotellerie und Tourismus nicht erlauben.

Was waren die schwierigsten Schritte in der Vorgründungsphase?

Gastfreund:

Nicht einfach war am Anfang in einem festen Job zu arbeiten der mehrere Stunden von Kempten entfernt lag und gleichzeitig regelmäßig im Team die Zeit zu finden, das Gründungsprojekt voranzutreiben. Eine zeitliche und örtliche Herausforderung.

Unvergesslich ist es auch, wenn man seinen Job kündigt – obwohl noch nicht einmal sicher ist, wie und wann genau man seine Gründungsidee auf dem Markt umsetzen kann und wie lange hierfür die eigenen Ersparnisse ausreichen.

Und wenn es dann soweit ist, man den festen Job an den Nagel hängt und quasi den Schalter von Angestellter zu Gründer umlegt – da muss man sich erstmal durchgängig selbst organisieren, um alles Nötige auf die Reihe zu bekommen, weil einem dann kein anderer mehr eine zwingende Struktur vorgibt. Besonders anspruchsvoll bei den ersten Schritten war es auch, sich nicht in einem kreativen Ideenüberfluss zu verzetteln sondern fokussiert an konkreten Produkt- und Geschäftsmodellausprägungen zu arbeiten.

Wo gab es die größten Probleme nach der Gründung, in der Anfangszeit?

Gastfreund:

Bei einer Gründung wird man mit den verschiedensten Aufgaben konfrontiert. Manches lässt sich gut vorplanen, aber in der eigenen Entwicklung entstehen immer wieder Baustellen, die man vorher gar nicht auf dem Zettel hatte. Die Gewichtung der Aufgaben und die Verteilung im Team hinzubekommen, war eine große Herausforderung. Nicht einfach war auch die Auswahl passender und gleichzeitig erschwinglicher IT-Systeme, beispielsweise für das Teamwork im Allgemeinen oder den Vertrieb im Konkreten, die im Anfangsstadium für Transparenz sorgen und die Produktivität erhöhen. Struktur muss eben auch sein, da reichen Arbeitswille und Motivation allein nicht aus.

Was würdet Ihr Euch als Gründer von der deutschen Politik in Bezug auf Gründungen besonders wünschen?

Gastfreund:

Als Start-up, das sich im ländlichen Raum entwickelt hat, wünschen wir uns gerade hier mehr Initiativen und Unterstützung für Gründer. Wir müssen auch abseits von namhaften Start-up-Hotspots und Großstädten schauen, dass Kreativität und Gründungskultur gefördert werden. In ländlichen Regionen und überall dort, wo es auch Hochschulen gibt. Auf dem Land gibt es so viele Ideen und Potenzial, die  aufgrund mangelnden Geldes oder fehlender Plattformen nie das Licht der Welt erblicken. Dabei wären Existenzgründungen doch ein wesentlicher wirtschaftlicher Motor zur Schaffung von regionalen Arbeitsplätzen.

Außerdem die ewige, aber wahre Leier: Weniger Bürokratie und Administration wären für Gründer eine große Hilfe.

Würdet Ihr immer wieder ein Unternehmen gründen oder ginge die Tendenz eher zum Angestelltenverhältnis, wenn Ihr nochmals vor der Frage „Gründung“ stehen würdet?

Gastfreund/Marc Münster:

Diese Frage kann ich mit einem klaren Ja beantworten. Ich habe vor der Gründung viel ausprobiert, aber ich habe mein berufliches Glück nicht gefunden und habe immer hinterfragt, was und warum ich etwas mache im Beruf. Das tolle am Unternehmertum ist neben Selbstbestimmung und freier Entfaltung unbedingt die Selbstverwirklichung – das macht mich glücklich.

Wie fühlt es sich an, Gründer/Unternehmer zu sein? Was ist der Unterschied zum Angestellten(verhältnis)

Gastfreund:

Was uns motiviert und stolz macht ist, dass wir anderen Menschen, vor allem jungen Kollegen, einen tollen Job mit super Möglichkeiten zur Entfaltung bieten können. Bei uns haben alle die Chance Verantwortung zu übernehmen und gemeinsam zu wachsen.

Unternehmer zu sein bedeutet aber auch, viel mehr Verantwortung zu haben, als wir uns das noch vor ein paar Jahren hätte vorstellen können.

Hattet Ihr zu Beginn der Selbstständigkeit eine „Betreuung“ durch einen Existenzgründungsberater?

Gastfreund:

Wir waren nicht bei einer Gründungsberatungsstelle, weil sich das vorhandene Angebot beispielsweise von der Arbeitsagentur in Kempten nicht an Internet-Start-ups richtet, die skalierende Geschäftsmodelle umsetzen wollen, sondern eher die klassische Selbständigkeit adressieren.

Gute Beratung, ob von Existenzgründungsberatern, Mentoren, anderen Gründern oder Unternehmern ist aber enorm wichtig. Hier hatten wir großes Glück: bei einer in Kempten veranstalteten Gründerlounge haben wir den Unternehmer Roland Hötzl kennen gelernt. Er war sofort begeistert von der Idee und wurde unser Mitgründer und Business Angel. Bis heute gehört er zum Führungskreis des Unternehmens und unterstützt uns bei  wichtigen, unternehmerischen Entscheidungen. Durch Roland sind uns einige „schmerzliche“ Erfahrungen beim Start auf dem Markt erspart geblieben.

Auch mit Hubert Lingg von Lingg Hotelstrategie haben wir uns viel ausgetauscht und er hat uns mit der Insider-Sicht eines Hotelberaters viel Wissen über den  Tourismus vermittelt.

Wir haben auch immer einen engen Kontakt zur Hochschule Kempten gepflegt, die das Thema Gründen seit einigen Jahren unter den Professoren Dr. Peter Reissner und Dr. Katrin Stefan stark pusht. Davor gab es zum Themenfeld „Gründung“ nichts.

 Welche Tipps habt Ihr für unsere Leser und angehenden Existenzgründer?

Gastfreund:

Frei nach Steve Blank: „Get out of the building“. Habt keine Angst vor Nachahmern und tragt eure Idee nach Außen, redet darüber und bewerbt sie offensiv. Es ist ungemein wichtig, sein Produkt ausgiebig am Markt zu testen, sich möglichst viele Meinungen einzuholen. Nutzt all das Feedback und entwickelt euch damit nah an der Zielgruppe weiter. So verrennt man sich nicht und bleibt mit seinem Konzept in Bewegung, kann es immer weiter entwickeln und verbessern.

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